Presse

Unternehmertag Nord 2022: „Schleswig-Holstein vor der Landtagswahl“

UVNord-Präsident Murmann sieht Wachstum für Norddeutschland in Gefahr und warnt vor Überforderung des Mittelstandes

Klare Absage an Gasembargo

Rendsburg. Der Unternehmertag von UVNord – Vereinigung der Unternehmensverbände in Hamburg und Schleswig-Holstein fand bei der HanseWerk AG unter dem Motto „Schleswig-Holstein vor der Landtagswahl 2022“ mit rund 400 geladenen Teilnehmern statt. Zu den Gästen aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens sprach der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank Karl von Rohr zum Thema „Quo vadis Deutschland“. In einer vom Chefredakteur des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlages, Herrn Stefan Hans Kläsener, moderierten Podiumsdiskussion zum Thema „Schleswig-Holstein vor der Landtagswahl 2022“ diskutierten die Spitzenkandidatin und Spitzenkandida­ten Dr. Bernd Buchholz, FDP Schleswig-Holstein; Karin Prien, stellvertretende CDU-Landes­vorsitzende, in Vertretung für den positiv auf Corona getesteten Daniel Günther; Lars Harms, SSW Schleswig-Holstein; Monika Heinold, Bündnis 90/Die Grünen Schleswig-Holstein, und Thomas Losse-Müller für die SPD Schleswig-Holstein.

In seiner Eröffnungsrede machte UVNord-Präsident Dr. Philipp Murmann deutlich: „Die norddeutsche Wirtschaft unterstützt den Sanktionskurs der Bundesregierung und der EU gegen Russland. Es braucht zielgenaue und langfristig durchhaltbare Sanktionen, die den Aggressor stärker bestrafen als die heimische Wirtschaft. Ein Komplettausfall russischer Gaslieferungen wäre aber ein gewaltiger Stresstest mit unabsehbaren Folgen für die künftige Versorgungssicherheit, Wachstum, Beschäftigung aber auch für unsere politische Handlungsfähigkeit. Der Krieg in der Ukraine senkt bereits heute die Wachstumsaussichten für die norddeutsche Wirtschaft. In einem hoffentlich nicht eintretenden Embargofall besteht die Gefahr einer schweren Rezession. Derzeit gibt es zu viele Herausforderungen in der Welt, wie Lieferengpässe und Lieferketten-Unterbrechungen bei Rohstoffen, Zwischengütern und diese werden durch den aktuellen Lockdown in Shanghai teilweise noch einmal extrem verschärft. Auch dürfen wir nicht ausblenden, dass die Pandemie noch nicht beendet ist. Dass uns die Pandemiebewältigung durch die neue Ampel in Berlin nicht vollständig in Euphorie versetzt, zeigen nicht nur die Niederlagen des Bundeskanzlers und des Bundesgesundheitsministers bei der Impflicht. Und so sehr ich ein Anhänger des Föderalismus bin, was Unternehmen und ihre Beschäftigten von Land zu Land verschieden an pandemiebewältigenden Sanktionen umsetzen durften, das spottet beinahe jeder Beschreibung.“

In Bezug auf die schleswig-holsteinische Landtagswahl am 8. Mai führte UVNord-Präsident Murmann aus, dass die Unternehmen für ihren Erfolg zunächst einmal selbst verantwortlich seien, aber die Rahmenbedingungen, die von der Politik vorgegeben werden, hierfür auch passen müssen. Gerade in schwierigen Zeiten braucht es mehr unternehmerische Freiheit statt Regulierung, um schnell und flexibel auf neue Herausforderungen reagieren zu können. Als wesentliche Punkte in der neuen Legislaturperiode nannte er eine mittelstands­freundliche Politik, Bürokratieabbau und Deregulierung, eine selbstbewusste Ansiedlungs­strategie, Ausschöpfen der Potentiale von Digitalisierung und künstlicher Intelligenz, mehr Dampf auf dem Kessel beim Ausbau der Verkehrsinfrastruktur wie z. B. der A20, Stärkung der norddeutschen Zusammenarbeit sowie einem kraftvollen Entgegenwirken des Fach­kräftemangels mit einem funktionierenden Übergang von der Schule in den Beruf, dem Ausschöpfen noch vorhandener Arbeitsmarktpotentiale und einem funktionierenden Fachkräftezuzug. Mit den Worten: „Es gibt noch viel zu tun, packen SIE es an“ schloss Murmann die Begrüßung in Richtung der Spitzenkandidatin und -kandidaten.

In seinem Grußwort unterstrich Matthias Boxberger, Vorstandsvorsitzender der HanseWerk AG, dass es drei drängende, energiepolitische Handlungsfelder gibt, die von russischem Gas unabhängiger machen und die Energiewende voranbringen: „

  1. Wir haben hier die höchsten Strompreise, weil das Vorreiterland der Energiewende auch das des Netzausbaus ist. Die Landesregierung hat wichtige Bundesinitiativen ergriffen, um die Kosten besser zu verteilen. Und die Koalition in Berlin will tätig werden. Im Sinne unserer Standortchancen, muss jetzt aber auch etwas passieren.
  2. Der Ausbau der Freiflächen-Photovoltaik muss besser geordnet werden. Derzeit liegen uns Anfragen über acht Gigawatt vor, was der Dimension von Windparks entspricht und raumbedeutsamen Netzausbau nötig macht. Das funktioniert nur, wenn man den Ausbau der Erneuerbaren und den Netzausbau zusammen denkt und ermöglicht.
  3. Der grüne Wasserstoff, für den wir im Norden beste Voraussetzungen haben, wird ausgebremst. Denn die EU stellt absurd hohe Anforderungen an Herkunft und Profil des dafür nötigen grünen Stroms. Das verteuert alle Projekte, schafft unkalkulierbare Risiken und verzögert den Hochlauf einer nachhaltigen, heimischen Wasserstoff-Wirtschaft.“

In seinem Vortrag mit dem Titel „Quo vadis Deutschland“ verdeutlichte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank Karl von Rohr:
„Um nationalistischen und protektionistischen Entwicklungen entgegenzuwirken und das Erfolgsmodell Globalisierung zu sichern, müssen wir an drei Punkten ansetzen: der Sicherung von Energie und Rohstoffen, dem weiteren Vorantreiben der Transformation zu einer nachhaltigen Ökonomie und unseren Verbindungen in der Welt. Letztere müssen wir neu definieren, Partnerschaften ausbauen und endlich die Stärke unseres europäischen Staatenbunds voll ausspielen.
Wir brauchen einen Schulterschluss von Politik, die die Leitplanken setzt, und Wirtschaft, die diese mit Leben füllt. Wir brauchen einen Masterplan für die Wirtschafts-, Energie- und Sicherheitspolitik Deutschlands und der Europäischen Union. Neben staatlichen Investitionen braucht es attraktivere Rahmenbedingungen für privates Kapital nationaler und internationaler Investoren. Dazu ist es wichtig, dass Europa die Kapitalmarktunion vorantreibt.“

Statements der Spitzenkandidatin und Spitzenkandidaten:

Dr. Bernd Buchholz, FDP Schleswig-Holstein:
„Der Standort Schleswig-Holstein hat so große Chancen wie nie zuvor. Wir haben die Infrastruktur massiv ausgebaut und fördern kluge Köpfe und Ideen. Jetzt gilt es, die Standortvorteile zu nutzen und den Infrastrukturausbau massiv voranzutreiben. Dazu gehört der Bau der A20 genauso wie der Ausbau der B5, die Elektrifizierung der Marschbahn und eine dauerhafte Investition von 100 Millionen Euro in die Landesstraßen pro Jahr. Parallel dazu muss bis 2025 jeder Haushalt einen Glasfaseranschluss haben können. Unser Land braucht gesunde und erfolgreiche Unternehmen. Sie sichern Arbeitsplätze und erwirtschaften die Steuergelder, die wir benötigen, um das Land voranzubringen. Wir werden unsere Unternehmen dabei unterstützen, dass sie wettbewerbsfähig und gut arbeiten können.“

Karin Prien, CDU Schleswig-Holstein, in Vertretung für Daniel Günther: "Wir wollen weiter anpacken für einen Klimaschutz, der Arbeit schafft. Dafür wollen wir den grünen Strom im Land nutzen und noch mehr innovative Unternehmen und zukunftsfähige Arbeitsplätze im Land ansiedeln.“

Lars Harms, SSW Schleswig-Holstein: „Auch für die Unternehmen gilt, dass das Leben in Schleswig-Holstein noch bezahlbar bleiben muss. Deshalb müssen auch die Unternehmen bei den ständig steigenden Energiekosten eine Unterstützung bekommen, damit sie weiterhin gut und nachhaltig in Schleswig-Holstein produzieren können.“

Monika Heinold, Bündnis 90/Die Grünen: „Schleswig-Holstein hat enormes Potenzial, eine Vorzeigeregion für die ökologische Transformation unserer Wirtschaft zu werden. Das wollen wir heben. Damit die Energiewende zum Standortfaktor wird, werden wir Verfahren für Ausbau und Nutzung der Erneuerbaren Energien beschleunigen, bei der Genehmigung von Photovoltaik entbürokratisieren, die Regionalplanung Wind fortschreiben und ein nordeuropäisches interregionales Netzwerk für Grünen Wasserstoff initiieren. Um dem Fachkräftemangel zu begegnen, starten wir einen Pakt mit Wirtschaft, Wissenschaft und Berufsschulen. Wir machen in Berlin Druck, damit wir Menschen, die sich bei uns integriert haben, schnell Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis und Familiennachzug ermöglichen. Wir gründen eine Agentur für Cybersicherheit als Partner für unsere mittelständisch geprägte Wirtschaft, erweitern das Programm für die Innovationsassistenten und bringen einen Zukunftsfonds zur Bereitstellung von Risikokapital für die Gründung von an Nachhaltigkeitszielen orientierten Unternehmen auf den Weg. Das Online Zugangsgesetz wird zügig umgesetzt.“

Thomas Losse-Müller, SPD Schleswig-Holstein: „Klimaschutz und Digitalisierung sind die beiden Megatrends des 21. Jahrhunderts. Darin liegen für Schleswig-Holstein riesige wirtschaftliche Chancen. Um sie zu nutzen, braucht es eine Landesregierung, die partnerschaftlich mit den Unternehmerinnen und Unternehmern in Schleswig-Holstein zusammenarbeitet. Große Transformationen lassen sich nicht allein auf Ebene der Einzelunternehmen organisieren. Wenn wir Klimaneutralität wollen oder Prozesse digitalisieren, müssen wir das entlang der gesamten Wertschöpfungskette organisieren. Dafür braucht es eine gemeinsame Vision und einen Staat, der die Prozesse gemeinsam mit Unternehmen und Gesellschaft moderiert und gleichzeitig in neue Infrastruktur investiert."

Als verlässlicher Partner der Unternehmen im Land unterstützt die Investitionsbank Schleswig-Holstein (IB.SH) den Unternehmertag Nord seit 2013. Neben ihren Förder­angeboten für Unternehmen stellt die IB.SH bei diesem Unternehmertag Nord ein besonde­res Projekt auf ihrer Spendenplattform WIR BEWEGEN.SH vor: „EinfachHelfen SH“ ist eine gemeinsame Initiative der IB.SH, des Sparkassen- und Giroverbandes für Schleswig-Holstein, des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Schleswig-Holstein und des Kinderschutzbundes Schleswig-Holstein, um Spenden für Geflüchtete aus der Ukraine zu sammeln und ihnen hier vor Ort zu helfen. Das Projekt läuft auf der Spendenplattform noch bis zum 10. Mai 2022.

UVNord ist der wirtschafts- und sozialpolitische Spitzenverband der norddeutschen Wirt­schaft. UVNord vertritt über seine 109 Mitgliedsverbände die Interessen von mehr als 66.000 Unternehmen in Hamburg und Schleswig-Holstein in denen heute rund 1,75 Milli­onen Menschen sozialversicherungspflichtige Beschäftigung finden. UVNord ist zugleich die schleswig-holsteinische Landesvertretung des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI).

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26.04.2022